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Technik und Gesellschaft an deutschen Universitäten Vortrag von Prof. Dr. Evelies Mayer, Staatsministerin a.D., Technische Universität Darmstadt auf dem Evaluierungsworkshop des Zentrum Technik und Gesellschaft am 16. April 1998 in Berlin. Wissenschaftssystem im Wandel: Universität und Interdisziplinarität Im folgenden ist das Vortragsmanuskript von Frau Staatsministerin a.D. Prof. Dr. Evelies Mayer von der Technischen Universität Darmstadt wiedergegeben. Prof. Evelies Mayer hielt den Vortrag auf dem Evaluierungsworkshop des Zentrums Technik und Gesellschaft am 16. April 1998 im Sitzungssaal des Akademischen Senats der TU Berlin: InhaltWir leben in einer Wissensgesellschaft oder steuern auf sie zu. Zuverlässige wissenschaftliche Erkenntnisse der natürlichen und sozialen Wirklichkeit bilden die Basis für neues Wissen und Können. Verbesserte technische Möglichkeiten zur kreativen Kombination dieses Wissens erweitern die Fähigkeiten einer Gesellschaft, ihre ökonomischen Grundlagen zu sichern und drängende soziale Probleme zu bewältigen. In den Universitäten vollzieht sich jedoch die Produktion und Vermittlung von Wissen nach wie vor in den Formen, die sich mit der Entstehung von Disziplinen vornehmlich im letzten Jahrhundert herausgebildet und sich auf dieser Basis weiterentwickelt haben. Die Organisation der Universität nach Disziplinen ist die Grundstruktur, in der sich Forschung und Lehre bewegen. Diese Grundstruktur hat sich bewährt. Was aber kaum bemerkt wird: in vielen Fachrichtungen droht sich die universitäre Forschung in den Grenzen einer Disziplin und ihrer Subdisziplinen einzuigeln. Sie verliert so Anschluß an interessante Wachstumsbereiche der Forschung, aber auch an Themen, die sich mit Zukunftsproblemen unserer Gesellschaft befassen. In beiden Forschungsrichtungen nimmt die Bedeutung der bewährten fachlichen Zuständigkeiten ab, je komplexer die Probleme und Fragestellungen werden, die auf die Wissenschaft zukommen. Die Universitäten mit ihrer ehrwürdigen Tradition tun sich schwer, ihre Strukturen auf neue Anforderungen auszurichten. Die Grenzen zwischen den Fächern in einer Universität sind starr, sie werden durch Ausbildungsrituale, die Vergabe akademischer Grade, das Belohnungs- und Privilegiensystem und auch durch die Gepflogenheiten der akademischen Selbstverwaltung gesichert. Die disziplinäre Organisation der Universität errichtet zusätzliche Schranken. Alarm, wenn die Grenzzäune berührt werden, karrierebedrohende Sanktionen, wenn jemand wagt, die Schranken zu überwinden! Die finanzielle Nöte der Universitäten verstärken die Neigung, sich auf fachlich gehütetem Terrain zu bewegen. Das "eherne Gehäuse" der Disziplinen verstellt den Blick für eine angemessene wissenschaftliche Betrachtung unserer Welt und auch für einen notwendigen Wandel in der Wissensproduktion. Michael Gibbons und eine internationale Gruppe von Wissenschaftsforschern haben den künftig vorherrschenden Wissenschaftstypus als disziplinübergreifend beschrieben, als ein Wissen, das stärker an seinen sozialen und ökonomischen Kontext gebunden ist und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis sucht. Die Großforschungseinrichtungen haben sich in den letzten Jahren diesen Entwicklungen geöffnet, die neu gegründeten Institute der Max-Planck-Gesellschaft folgen einem multidisziplinären Ansatz und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, eine Garantin der fachgebundenen Grundlagenforschung, unterstützt mit ihren Förderstrategien die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen und neuerdings auch das Ziel, dem Anwendungsaspekt der Forschung stärker Rechnung zu tragen. In Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten ist der Abbau von Schranken in vollem Gange. In den Universitäten ist eine problemorientierte und flexible Verflechtung und Vernetzung von Fächern in Forschung und Lehre eher eine heiß umstrittene Ausnahme als die Regel. Das gilt auch für das Themenfeldes Technik und Gesellschaft. Diese Thematik betrifft nur einen Ausschnitt aus den vielen möglichen Konfigurationen einer problemorientierten Zusammenarbeit von Fächern aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen wie den Ingenieur- und Naturwissenschaften und den Geistes- und Sozialwissenschaften. Diese wirken schon seit Jahrzehnten im Wirtschaftsingenieurwesen und in der Stadt- und Regionalplanung zusammen und haben in den letzten Jahren auch in der Umweltforschung neue Felder für eine fruchtbare Kooperation erschlossen. Am Beispiel Technik und Gesellschaft können also exemplarisch Richtung und Barrieren des möglichen und auch notwendigen Wandels in Universitäten verdeutlicht werden. Ein Vergleich der Aktivitäten an Universitäten der Schweiz, in Österreich und in Deutschland soll dies zeigen. Betrachtet man für deutschsprachige Universitäten die Verknüpfung von Fächern und Fachkulturen im Schwerpunkt Technik und Gesellschaft, so fällt auf, daß diese Versuche nach Vorbildern in anderen Ländern entstanden und nicht in der jeweiligen Universität angestoßen worden sind. So haben Aktivitäten, die sich in USA um die Thematik "Science, Technology, and Society" gruppieren, viele Initiativen in Europa inspiriert. Ich werde also kurz die Situation in den USA schildern, dann die Lage in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland skizzieren. Es folgen hochschulpolitische Überlegungen zum Verhältnis von Disziplinarität und Interdisziplinarität im Alltag einer deutschen Hochschule mit dem Ziel, die Bedingungen für eine erfolgreiche Arbeit von interdisziplinären Aktivitäten in Forschung und Lehre zu benennen. Zum Schluß möchte ich fragen, in welcher Weise interdisziplinäre Zentren zu einem Klima des Wandels an deutschen Universitäten beitragen können. Science, Technology, and Society Programme in USA In den USA führt die Kritik der wissenschaftlichen Spezialisierung und Professionalisierung zwischen 1870 und 1920 zu einer Reihe von Vorschlägen, um die Ingenieurausbildung aus ihrer fachlichen Einengung herauszuholen und ihre zivile und praktische Effizienz zu steigern. Nach dem Zweiten Weltkrieg und im Gefolge des Sputnik-Schocks kommen solche Inititiativen verstärkt zur Geltung, sei es in der Gründung von Ingenieurausbildungsstätten mit einer starken Präsenz der Sozial- und Geisteswissenschaften wie im Harvey Mudd College und im Worcester Polytechnic Institute oder in den Science, Technology, and Society (STS) Programmen an Universitäten mit ingenieur- und naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Als Vorbild wirken hier das STS-Program am MIT oder das Values, Technology, Science, and Society-Program in Stanford. Beide weisen eine breite Palette von interdisziplinären Aktivitäten auf von der wissenschaftlichen Grundausbildung, über Forschung bis hin zu gezielten Nachwuchsförderung. Zu den STS-Programmen gehören auch die Zentren, die als Science, Technology, and Public Policy Programme für die Ingenieurausbildung berufsrelevante interdisziplinäre Akzente setzen und die eher auf die interdisziplinäre Forschung ausgerichteten Science and Technology Studies oder der Forschungsbereich Socio-Technical Systems. Gegenwärtig gibt es an ungefähr einem Drittel der 3000 amerikanischen Colleges und Universitäten STS-Kurse und ungefähr 100 anerkannte STS-Programme. Aufgaben, Thematik und organisatorischer Zuschnitt dieser Programme sind ständig im Fluß, ihre Anerkennung und Förderung wechselt mit den wissenschaftspolitischen Konjunkturen. So gibt die gegenwärtige Neuordnung von Lehr- und Forschungsprogrammen an amerikanischen Universitäten den in den 70er Jahren gegründeten STS-Programmen wieder neuen Auftrieb. Technik- und Wissenschaftsforschung in Österreich In Österreich existiert eine bunte Mischung von Instituten zur interdisziplinären Technik- und Wissenschaftsforschung in und außerhalb der Universitäten. Alle Universitätseinrichtungen mit interdisziplinärem Zuschnitt verbinden Forschungs- und Lehraktivitäten. Im Institut für Technik und Gesellschaft werden Lehrveranstaltungen zu Wechselwirkungen von Technik und Gesellschaft aus der Sicht verschiedener Disziplinen zentral angeboten. Bei dem Veranstaltungsprogramm wirken regelmäßig ausländische Gastwissenschaftler mit und auch Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Auf diese Weise fungiert das Institut als Kristallisationskern für aktuelle technikpolitische Debatten. Das Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der TU Wien ist in die Informatik-Fakultät eingegliedert und stärker spezialisiert. Es behandelt interdisziplinäre Fragestellungen der Informatik aus sozialwissenschaftlicher Sicht. Dabei geht es um das Umfeld und die Lebens- und Arbeitspraxis beim Umgang mit informationstechnischen Systemen. Die Technik- und Wissenschaftsforschung ist ein eigenes Arbeitsgebiet imInstitut für Interdisziplinäre Forschung , das von den Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien getragen wird. Die Forschungen zu Technik und Wissenschaft als gesellschaftlicher Prozeß sind in Klagenfurt angesiedelt. Im dortigen Arbeitsbereich Frauen und Technik wird mit der TU Graz kooperiert. Das Beispiel Schweiz An Schweizer Universitäten existieren keine besonderen Einrichtungen für die Erforschung von Rahmenbedingungen der Technikentwicklung -und anwendung, wohl aber solche zur fachübergreifenden Ausbildung in den Ingenieurwissenschaften, wie beispielsweise das Mensch-Technik-Umwelt-Programm an der ETH Zürich. Ein weiteres Beispiel für eine fruchtbare interdisziplinäre Kooperation möchte ich nicht unerwähnt lassen. An der Universität Bern wird seit 1984 der fächerübergreifende Dialog zwischen den Disziplinen und die Öffnung der Universität für Belange der Gesellschaft gefördert. Ein sog. Haus der Universität dient als Treffpunkt, eine Stiftung "Universität und Gesellschaft" finanziert wissenschaftliche Projekte zu Problemen wie Ökologie, Migrationen, Sprachenkonflikte, Drogen, Europäische Integration oder zur Zukunft der Universitäten. Zu diesen Themen organisiert eine Akademische Kommission interdisziplinäre Dialoge auf der Basis hoher Fachkompetenz und internationaler Beteiligung. Am Ende einer Arbeitssequenz stehen Folgeprojekte für die wissenschaftliche Analyse, aber auch Optionen und Vorschläge für die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Eine Bilanz der geleisteten Arbeit zeigt, daß es gelungen ist, Universitätsangehörige verschiedener Fachrichtungen jeweils befristet für eine gemeinsame Arbeit an Themen zu interessieren, die als Wegmarken für künftige gesellschaftlichen Entwicklungen gelten können. Das Themenfeld Technik und Gesellschaft an deutschen Universitäten In Deutschland ist der Flickenteppich der Ansätze zur Erforschung der Beziehungen zwischen Technik und Gesellschaft noch bunter als in Österreich. Interdisziplinäre Initiativen im Umfeld von Universitäten fordern geradezu heraus, auch in den Hochschulen das Thema aufzugreifen. Da gibt es oder gab es die verschiedenen Landesprogramme zu Technik und Arbeit und Mensch und Technik in NRW, Bremen und Niedersachsen oder die Initiativen der Kommission Sozialer und Politischer Wandel mit einem arbeitspolitischen Schwerpunkt in den neuen Bundesländern, die Stuttgarter Akademie zur Technikfolgenabschätzung und dieAkademie zur Erforschung von Wissenschaft und Technik , die das Land Rheinland-Pfalz zusammen mit der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt gegründet hat. Das Forschungsprogramm Technikgenese im Wissenschaftszentrum Berlin hat jüngst eine eindrucksvolle Arbeitsbilanz vorgelegt. Die Arbeitsgruppen zur Thematik Technik und Gesellschaft in den Großforschungseinrichtungen sowie eine Stelle zur Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag runden das Bild ab. An den Publikationen, den Zeitschriften und Sammelbänden, die sich unter der Fahne Technik und Gesellschaft sammeln, läßt sich ablesen, daß auch die Universitäten ihre Chance in diesem Forschungsfeld nutzen. Sieht man genauer hin, dann spiegeln die Veröffentlichungen aus den Universitäten aber eher die Vielfalt von individuellen Forschungsanstrengungen und Teildisziplinen wider als Ergebnisse von Forschungsstrategien, die eine gemeinsame Arbeit auch über Fach- und Universitätsgrenzen hinweg verfolgen. Lediglich am Verbund sozialwissenschaftlicher Technikforschung beteiligen sich Wissenschaftler verschiedener Universitäten und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen. Eine Zusammenarbeit von Gruppen zur Technikforschung an hessischen Universitäten ist nach der Streichung der Landesförderung zum Erliegen gekommen. Das Engagement vieler Hochschulen in den neuen Bundesländern, dem Thema Technik und Gesellschaft mehr Raum zu geben, scheitert am Alltag der Universitätsentwicklung unter restriktiven politischen und finanziellen Rahmenbedingungen. Bei der Analyse der Beziehungen zwischen Technik und Gesellschaft können zwei Richtungen unterschieden werden. Zum einen handelt es sich um die systematische Weiterentwicklung des Forschungsgegenstandes in einzelnen sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern, zum andern um die Öffnung dieser Fächer, aber auch der Ingenieur- und Naturwissenschaften für einen multidisziplinären Ansatz. Dazu einige Beispiele: In der Soziologie hat sich die Technikforschung aus der Spezialdisziplin der Industriesoziologie heraus entwickelt. Auch in der Geschichte, der Philosophie, der Politikwissenschaft und der Psychologie gibt es Forschungsanätze, die ihren Blick auf die technische Entwicklung richten. Das fachgebundene Forschungsinteresse schließt eine punktuelle Zusammenarbeit mit ingenieurwissenschaftlichen Experten nicht aus. Auch von ingenieurwissenschaftlicher Seite werden die Fühler zu den Sozialwissenschaften ausgestreckt. Die Konstruktionslehre bewegt sich auf die Psychologie zu. Das interdisziplinäre Feld des Wirtschaftsingenieurwesens wird durch Professuren für Innovations- und Gründungsforschung erweitert. In technikwissenschaftlichen Disziplinen wie der Energiesystemtechnik oder der integrierten Verkehrsplanung werden Professuren für Systemtechnik eingerichtet. Koordinierende Einrichtungen für eine interdisziplinäre oder gar transdiziplinäre Forschung und Lehre im Themenfeld Technik und Gesellschaft sind in Deutschland so selten wie in den USA oder in unseren deutschsprachigen Nachbarländern. Verallgemeinernd kann man sagen, daß sich an deutschen Universitäten drei Formen der Institutionalisierung von Forschung und Lehre im Themenfeld Technik und Gesellschaft herausgebildet haben:
Forum Technik und Gesellschaft Dieses Forum wurde 1987 an der RWTH Aachen als eines von fünf interdisziplinären Foren (neben Umwelt, Werkstoff, Weltraum und Informatik) gegründet. Die Foren übernehmen eine "Vernetzungsaufgabe". Sie sollen in der Hochschule interdisziplinäre Dialoge ermöglichen, interdisziplinäre Forschung anregen, Aufbausstudiengänge und Weiterbildungsangebote entwickeln und auch die Zusammenarbeit mit der Region suchen. Die Foren bieten auch die Grundlage für interdisziplinäre Forschungsvorhaben und Einrichtungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Jeweils vier Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs sind unter dem Dach dieser Foren entstanden. ImForum Technik und Gesellschaft, von einem Historiker gegründet, finden sich rund 40 Hochschullehrer aus Ingenieur- und Naturwissenschaften und den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu gemeinsamer Forschung und zu besonderen Veranstaltungen an der Schnittstelle von Technik und Gesellschaft zusammen. Expertentum und Demokratie, Automobilität in Ballungsräumen, Kreativität und Innovation, Ethik und Technik sind Themen, die in Forschung und Lehre behandelt werden. Forschungszentrum Arbeit und Technik (ARTEC) Diese zentrale Forschungseinrichtung an der Universität Bremen behandelt Gestaltungsprobleme von Arbeit, Technik und Umwelt. In den drei Forschungsfeldern Design-Komplexität, Umweltschutz und Neue Produktivitätskonzepte kooperieren Sozialwissenschaftler mit Spezialisten aus Informatik, Produktionstechnik und Arbeitswissenschaft. Projektthemen sind u.a. Simulation zur Gestaltung von Arbeit und Technik, Produktionsintegrierte Abwasservermeidung und Lernende Netzwerke. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit konzentriert sich auf die Forschung. Zentrum für Interdisziplinäre Technikforschung (ZIT) Dieses Zentrum wurde 1987 nach dem Muster amerikanischer Universitätszentren als eine Einrichtung auf Zeit gegründet, die eng mit den Fachbereichen zusammenarbeitet, aber von diesen finanziell unabhängig ist. Im Mittelpunkt der Tätigkeiten am ZIT stehen die Anregung, Koordination und Förderung interdisziplinärer Forschung zu den Bedingungen, Wirkungen und Steuerungsmöglichkeiten der Technikentwicklung. Aus Eigenmitteln und Stellen des Zentrums werden Projekte gefördert, bei denen Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammenarbeiten und dabei insbesondere die starren Grenzen zwischen den Ingenieur- und Naturwissenschaften auf der einen und den Sozial- und Geisteswissenschaften auf der anderen Seite überbrücken. Die Förderung von interdisziplinären Verbundprojekten konzentriert sich auf die Arbeitsbereiche Information und Kommunikation, Raum und Gesellschaft, Technik, Arbeit, Bildung, Technik und Kultur sowie Technologie und Entwicklung in der 3. Welt. Für diese Arbeitsbereiche bietet sich das ZIT als ein Ort der interdisziplinären Kommunikation an. Aus den einzelnen Projekten gehen häufig auch Lehrveranstaltungen hervor, die das Angebot der Fachbereiche für die fachübergreifende Ausbildung ergänzen, aber nicht ersetzen. Das ZIT hat sich mit seiner Arbeit in die Universität integriert. Eine im jährlichen Wechsel zu besetzende Stiftungsprofessur für interdisziplinäre Studien ergänzt das Arbeitsprogramm. Interessant sind die Spin-off-Effekte: In enger Verknüpfung mit der Arbeit im Zentrum ist ein SFB Entwicklung umweltgerechter Produkte, ein Modellversuch Ökologische Bildung und ein Graduiertenkolleg Technik und Gesellschaft entstanden. Das ZIT ist auch federführend bei zwei kürzlich mit der TU Darmstadt abgeschlossenen Kooperationsverträgen zu Entwicklungsaufgaben in der Region. Zentrum Technik und Gesellschaft Bei der Gründung der BTU Cottbus war eine Fakultät für Technik und Gesellschaft vorgesehen. Die wissenschaftliche Profilierung der neuen Universität sollte an wichtigen Schnittstellen von Disziplinen in Forschung und Lehre geschehen. Günter Spur, der Gründungsrektor, setzte sich intensiv für eine enge organisatorische Verzahnung der Disziplinen und eine Dynamisierung und Einbindung der Universität in die Gesellschaft durch Technologietransfer und Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungsinstituten ein. Die fünf eingerichteten Fakultäten vereinigen jeweils mehrere Fachrichtungen und Studiengänge; es fehlt die geplante Fakultät für Technik und Gesellschaft. An ihre Stelle ist ein Zentrum für Technik und Gesellschaft getreten. In ihm sind eine Reihe von kleineren kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächern von jeweils eigenständigem Zuschnitt beheimatet. Sie alle sollen an interdisziplinärer Forschung und Lehre mitwirken und zu einem interdisziplinären Dialog beitragen, der die Öffentlichkeit einbezieht. Das Zentrum selbst hat jedoch keine moderierende oder koordinierende Aufgabe bei der Zusammenarbeit von Sozial- und Technikwissenschaften. Wie ordnet sich nun das Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) an der TU Berlin in den Reigen der beschriebenen zentralen Einrichtungen ein? Das Zentrum ist wie die anderen Einrichtungen sehr stark an interdisziplinärer Forschung orientiert. Im Vergleich zu allen anderen Zentren findet das ZTG dafür ein besonders stimulierendes Umfeld vor. Die Arbeit im Zentrum kann erstens an einer breiten Forschungstradition der TU Berlin zum Themenfeld Technik und Gesellschaft anknüpfen. Ein Forschungsnetzwerk muß also nicht erst aufgebaut werden. Statt dessen kann das ZTG als koordinierende Einrichtung die bereits vorhandenen interdisziplinären Kooperationen dichter gestalten und auf neue Aspekte sozialer und technischer Innovationen ausrichten. Dabei kommt ihm die Breite im Fächerspektum der TU Berlin zugute. Zweitens wird das Zentrum von der künftigen Rolle Berlins als Hauptstadt und Sitz vieler Wissenschafts- und Kultureinrichtungen gefordert werden. Ein solcher Ort ist ein Treibhaus für intellektueller Auseinandersetzungen über die Zukunft unserer Gesellschaft und deren Gestaltung durch technische Möglichkeiten. Das ZTG könnte ein gefragter Diskussionspartner sein und selbst Debatten eröffnen mit seinen Kolloquien, Ringvorlesungen, Workshops und Tagungen. Es könnte ein Ort sein mit einem lebendigen und anregenden intellektuellen Klima, das Unversitätsangehörige wie die Öffentlichkeit gleichermaßen anzieht. Nicht zuletzt ist das ZTG ein geeigneter Ort für international vergleichender Debatten zur Technikentwicklung. Berlin ist mit seinen Universitäten für Studierende und Gastwissenschaftler aus aller Welt attraktiv. Dieses Interesse stimuliert; es verlangt auch, daß sich die Berliner Universitäten auf diese internationale Aufmerksamkeit einrichten. Zentren wie das ZTG können gerade mit ihrer thematisch zentrierten Arbeit zur Anlaufstelle für Wissenschaftler aus verwandten Forschungseinrichtungen und für Studierende mit interdisziplinären Studieninteressen werden. Das ZTG könnte auf dieses Weise auch einen wichtigen Part bei der angestrebten Internationalisierung von Studiengängen spielen. Interdisziplinarität als Entwicklungspotential in einer Universität Generell ist festzuhalten, daß interdisziplinäre Zentren im Themenfeld Technik und Gesellschaft an technischen Universitäten mit einer traditionell fachlich gebundenen Organisation zusammen mit anderen Zentren auf Zeit eine wichtige Aufgabe erfüllen. Bei Neugründungen wie der BTU Cottbus oder der TU Hamburg-Harburg ist die Organisationsstruktur der Universität bereits auf die Zusammenarbeit zwischen den ingenieur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen ausgerichtet. Interdisziplinäre Kooperation wird im Universitätsalltag praktiziert und kann auf sozial- und geisteswissenschaftliche Fachrichtungen (auch im Hochschulverbund) ausgedehnt werden. Anders in technisch-naturwissenschaftlich orientierten Universitäten, bei denen sich die Fachkulturen organisatorisch gegeneinander abschirmen. Um die in solchen Hochschulen vorhandenen synergetischen Effekte der Fächervielfalt nutzen zu können, sind zwei organisatorische Alternativen denkbar. Eine Möglichkeit ist, die Fachbereichs- oder Fakultätsstruktur radikal zu reorganisieren. So wird in dem jüngst vorgestellten Gutachten der Sachverständigenkommission zur Bildung einer Hochschulregion Saarland-Trier-Westpfalz vorgeschlagen, an der Universität des Saarlandes die Fakultäten aufzulösen und die vielen disziplinären Untereinheiten zugunsten von wenigen problem- und forschungsorientierten interdisziplinär zusammengesetzten Fachbereichen zusammenzufassen. Weniger Kraftaufwand kostet es, über Zentren eine flexible Arbeitsebene zwischen Hochschulleitung und den Fakultäten oder Fachbereichen zu etablieren. In Zentren können zeitlich befristet Aufgaben in Forschung und Lehre wahrgenommen werden, die die traditionelle disziplinäre Struktur übergreifen. Die DFG hat mit ihrer Förderung von Forschungskooperationen in Forschergruppen, Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegs diese flexible Zwischenebene an deutschen Universitäten "hoffähig" gemacht. Was als Erfolg dieser Förderstrategien gilt, die Expertise verschiedener Fächer zu vernetzen, kann auch durch die Gründung von Zentren in den Universitäten erzielt werden. Die Vorteile von Zentren mit interdisziplinärem Zuschnitt für moderne Forschungs- und Ausbildungsstrategien liegen auf der Hand:
Interdisziplinarität und akademische Kultur Sind die genannten Bedingungen annähernd gegeben und ist ein interdisziplinäres Zentrum wie das ZTG verläßlich in die Universitätsstruktur eingebettet, dann kann es seine Potentiale auch unter finanziell restriktiven Bedingungen nutzen. Es wird u.a. zu einer akademischen Kultur beitragen, die sich durch die Merkmale Flexibilität, Innovation, Komplementarität und qualitativer Wandel auszeichnet: |
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